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Interview mit Dr. Dieter Blankenhorn (Weinsberg)

Wer vor dem modernen, großzügigen Neubau der Wein- und Obstbauschule zu Weinsberg steht, glaubt kaum, daß er es hier mit dem ältesten Weinbau-Lehrinstitut Deutschlands zu tun hat, gegründet anno 1868 als "Königliche Weinbauschule".

Ständige Innovation gehört hier zur Tradition. Davon gibt auch das folgende Interview mit Dr. Dieter Blankenhorn (Referat Kellerwirtschaft) beredt Zeugnis, ebenso wie die Bilder der neuen Kellerei.
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Friedrich Springob: Die Rebfläche vieler Neuzüchtungen ist rückläufig, welche haben eine reelle Chance, sich dauerhaft auf dem Markt zu behaupten?
Dieter Blankenhorn: Neue Rebsorten unterliegen einer eigenen Dynamik. Die erfolgreichen werden zunächst bevorzugt angepflanzt, bis am Markt eine gewisse Sättigung eintritt. Danach wird sich die Anbaufläche wieder etwas reduzieren. Für die in Weinsberg gekreuzten Rebsorten kann dieser Zyklus beschrieben werden. Die Rebsorte Kerner, hatte in den siebziger Jahren ihren Anbauboom und kommt heute noch auf ca. 5 % der deutschen Anbaufläche mit cirka 5700 ha. Der Anbau der Rebsorte Dornfelder boomt derzeit außerordentlich. Insbesondere die Anbaugebiete Rheinhessen und Pfalz haben die Präferenz der Verbraucher für Dornfelder Rotwein erkannt und ausgebaut. Mittlerweile ist die Rebfläche in Deutschland auf cirka 6600 ha angewachsen. Die neuen Weinsberger Rotweinrebsorten etablieren sich derzeit bei vielen Winzern, die die Rebsorten und Weine aus ihrer Sicht eingehend prüfen. Dies führt in den nächsten 5 Jahren zu einem deutlichen Anwachsen der Anbaufläche und damit auch des Weinangebotes.


FS: Wie lässt sich das von Ihnen mitinitiierte Programm Justinus K. zur Förderung des Kerner an?
DB: Justinus K. ist ein Konzept zur Qualitätsoptimierung bei dem in den Bereichen der Traubenerzeugung, Weinbereitung sowie der Vermarktung ein schlüssiges Konzept für einen erfolgreichen Weißwein erarbeitet wurde. Nachdem wir im Staatsweingut Weinsberg 3 Jahre Erfahrung mit Justinus K. sammeln konnten, wurde das Projekt auf weitere 5 Erzeugerbetriebe übertragen. Die Erzeugung arbeitet mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung nach den Richtlinien und Erfahrungen der LVWO Weinsberg. Besonders interessant erscheint uns ein gelungener Mix aus unterschiedlichen Betriebsstrukturen wie Weingüter und Genossenschaften innerhalb des Projektes. Derzeit werden 5 Justinus K. Weine auf dem Markt angeboten und für das Frühjahr 2004 wird ein weiterer Erzeuger sein neues Produkt präsentieren.

Die Justinus K. Betriebe:
Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg
Weingärtner Willsbach
Weingärtnergenossenschaft Stuttgart-Rotenberg
Weingut Karl Haidle, Stetten
Staatsweingut Weinsberg
Weingärtnergenossenschaft Fellbach


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FS: Haben Weißweine beim Rotweinboom überhaupt eine Chance? Oder ist es überhaupt noch korrekt, von einem Rotweinboom zu sprechen?
DB: Die Nachfrage nach Rotwein ist nach wie vor sehr ausgeprägt und ich rechne auch in Zukunft mit einer überdurchschnittlichen Nachfrage nach Rotwein. Dennoch gibt es auch in Zeiten von Rotweinboom eine gewisse Nachfrage nach Weißwein. Erfreulicherweise belebt sich die Nachfrage nach Weißwein. Insbesondere bei den modernen, frischen Weißweinen zeigen Verbraucher gerade beim Direktvertrieb Interesse.


FS: Wenn der Trend zu den klassischen und internationalen Rebsorten anhält, welchen Sinn macht es da, neue Sorten zu züchten?
DB: Neue Rebsorten können sich neben einem interessanten Geschmack auch durch Vorzüge in der Traubenerzeugung auszeichnen. Derzeit arbeiten die Experten der Rebenzüchtung mit der Zielsetzung pilzresistente Rebsorten hervorzubringen. Dies bedeutet, dass die Reben widerstandsfähig gegen die Pilzkrankheiten Mehltau und Peronospora sind und somit der aufwendige Pflanzenschutz entfällt. Eine Erleichterung für den Winzer und die Umwelt. Aus diesem Grund lohnt es sich auch in Zukunft neuen Rebsorten zur Kreuzen und auf Ihre Eigenschaften zu prüfen.


FS: Gibt es Anstrengungen, weniger wuchsfreudige Rebsorten zu züchten, um qualitätsorientierten Winzern die Arbeit der Erntereduktion zu erleichtern?
DB: Die Wuchsleistung der Reben und somit auch das Ertragspotential kann durch die Kombination der richtigen Unterlagsrebe gesteuert werden. Bevor ein Weinberg neu angepflanzt wird, kann der Winzer zwischen verschiedenen Unterlagsreben wählen. In Württemberg sind überwiegend starkwüchsige Unterlagen (Kober 5BB) gepflanzt. An der LVWO Weinsberg laufen derzeit Versuche mit schwachwachsenden Unterlagsreben (3309 Coudrec), die in den letzten 2 Jahren gepflanzt wurde.

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FS:
Wenn guter Wein im Weinberg entsteht, wie ist dann die Rolle der Kellerarbeit?
DB: Die Kellerwirtschaft kann das Qualitätspotential der Trauben lediglich veredeln und bewahren. Besondere Weine können nur aus vollreifen und gesunden Trauben ausgebaut werden.

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FS: Arbeit im Weinberg und im Keller ist das eine, die Vermarktung das Andere. Wo sehen Sie da Potentiale zur Verbesserung?
DB: Das Stichwort Produktoptimierung bietet viel Möglichkeiten am Markt mehr Erfolg zu haben. Wir konnten dies im Sortiment des Staatsweingutes in mehrfacher Hinsicht unter Beweiß stellen, indem eine Veränderung der Eigenschaften des Geschmacks sowie der Verpackung / Ausstattung zu einem nachhaltigen Verkaufserfolg führte.
Dazu gehört natürlich, dass das gesamte Thema Wein nicht derart kompliziert dargestellt wird, wie es häufig anzutreffen ist. Viele Begriffe wie Lagenbezeichnung und Prädikate machen für es für viele Verbraucher schwierig nachhaltig den richtigen Wein zu finden.


FS: Die Mostkonzentration hat mittlerweile auch den Weg nach Deutschland gefunden, wird es in der Zukunft noch zu mehr technischen Änderungen oder auch (chemischen) Zusätzen kommen?
DB: Die neuen oenologischen Verfahren umfassen eine Vielzahl von Maßnahmen, deren Sinn oder Unsinn heftig diskutiert wird. Dabei wird es in den nächsten Jahren vermehrt zu einer Prüfung der vorgeschlagenen Verfahren kommen, um eine Einschätzung der Vorteile für den heimischen Weinbau zu erarbeiteten. Auf der Basis dieser Erfahrung kommt dann innerhalb der Branche eine Meinungsbildung zustande, die über eine gesetzliche Zulassung oder Ablehnung entscheidet.
Dieser Weg wurde bei der Prüfung der Anreicherung durch Wasserentzug ,mittels dem physikalischen Verfahren der Umkehrosmose, beschritten. Die Ergebnisse der Untersuchungen konnten aufzeigen, dass die Anwendung bei bestimmten Weinen deutliche Vorteile für den Geschmack hervorbringen.
Ein weiteres aktuelles Thema ist der Einsatz von Eichenholz in der Weinbereitung. Traditionell wird Wein im Holzfass bzw. im Barrique ausgebaut. Dabei stellt sich die Frage ob der Wein in das Holzfass gefüllt werden muss oder ob auch das Holz(fass) in den Wein gefüllt werden darf. Im Klartest: Warum darf das Eichenholz nicht in kleine Stücke gehackt dem Wein zugegeben werden?
Sie sehen, die Fragen haben neben einem technischen Aspekt selbstverständliche auch einen ethischen Aspekt.

FS: Worin sehen Sie die Zukunft des deutschen Weinbaus: Sollen deutschen Winzer eher versuchen, auf dem deutschen Markt mit internationalen Rebsorten in Konkurrenz mit ihren europäischen und überseeischen Kollegen zu treten oder sollen sie Ihrer Meinung nach eher mit autochthonen, regionalen Sorten, auch Neuzüchtungen, die regionale Karte auszuspielen?
DB: Das Kernsortiment werden die deutschen Winzer auch zukünftig überwiegend an den traditionellen Rebsorten orientieren. Ich halte jedoch die aktuelle Entwicklung für überaus wichtig, internationale Rebsorten anzupflanzen und Weine mit einem völlig anderen Charakter anzubieten. Das macht uns in einem gewissen Maße interessant und zeigt Innovationsfreude der Winzer. Es werden jedoch nur wenige Betriebe sein, die vollständig auf internationale Rebsorten wir Merlot, Cabernet Sauvignon oder Sauvignon Blanc umstellen. Die neuen Weinsberger Rotweinrebsorten wie Cabernet Cubin oder Cabernet Dorsa bieten dabei eine elegante Möglichkeit Rotweine im internationalen Weinstil mit Rebsorten zu erzeugen, die in unserem Standort und Klima entwickelt wurden.

Die Entwicklung von zwei Stilrichtung halte ich für erfolgversprechend. Einerseits brauchen wir neue Impulse von kräftigen Rotweinen mit internationalem Rotweincharakter für Kunden, die traditionelle Weine ablehnen. Andererseits werden wir unsere traditionellen Kunden pflegen, die fruchtige und geschmeidige Weine bevorzugen.

FS: Wie sind die Aussichten des deutschen Weins auf dem internationalen Markt?
DB: Die letzten Jahre haben gezeigt, dass mit dem richtigen Geschmack sowie einer moderneren Identität „Wein aus Deutschland“ gute Chancen am internationalen Markt hat. Wir haben in vielen Märkten unglücklicherweise mit einem vielfach negativen Image des deutschen Weines zu kämpfen. Dadurch wird derzeit viel Erfolgspotential gehemmt. Die unterschiedlichen Initiativen und Projekte der deutschen Weinerzeuger geben Mut zum Optimismus.

FS: Welche Mittel gibt es, um Anreize für die Winzer in ihrer Qualitätsorientierung zu schaffen. Sind Classic und Selection die Mittel der Wahl oder doch eine Lagenklassifizierung?
DB: Die entscheidende Motivation für mehr Qualität ist der Erfolg am Markt. Classic und Selektion können dabei hilfreich sein, um insbesondere eine begriffliche Differenzierung unterschiedlicher Preissegmente vorzunehmen. Letztendlich wird aber die Regelung zur Classic und Selektion nicht ohne das Qualitätsstreben der Winzer zum Erfolg führen.

FS: Vielen Dank für das Gespräch.


 

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